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Endlich Opferstatus.

Deutschlands Tag der Vertriebenen.

Auch ich hatte – zehnjährig – Angst, erschlagen oder erschossen zu werden. Als man Säuglinge aus dem Kinderwagen riss, in die Luft schmiss und wie Tontauben abschoss. Ich kann Ihnen das erzählen. Aber ich kann Ihnen nicht die Geräusche rüberbringen: Die Schreie der Mütter, die Schreie der Kinder und das Lachen der Peiniger.

Deutschland beging am letzten Sonntag den offiziellen »Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung«. Ein Stelldichein der Repräsentanten des Staates lauschte den Ausführungen einer Vertriebenen aus dem Sudetenland. Es ging um die deutschen Vertriebenen nach 1945, aber gleichzeitig ging es auch um die Flüchtlinge von heute.

Zu den Rednern der Veranstaltung zählte auch Bundespräsident Joachim Gauck, der den Anlass folgendermaßen beschreibt: „Zum ersten Mal gedenkt Deutschland an einem offiziellen bundesweiten Gedenktag jener Millionen von Deutschen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges zwangsweise ihre Heimat verloren. Zum ersten Mal begeht Deutschland damit auch regierungsamtlich den internationalen Weltflüchtlingstag, wie er vor fünfzehn Jahren von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde. Auf eine ganz existenzielle Weise gehören sie nämlich zusammen – die Schicksale von damals und die Schicksale von heute, die Trauer und die Erwartungen von damals und die Ängste und die Zukunftshoffnungen von heute.“ (1)

Nun haben sie ihn also ihren ganz offiziellen bundesweiten Feiertag. Wo es in der Debatte vor vier Jahren zur Charta des Bund der Vertriebenen (BdV) noch hieß „Die Charta lese sich, als habe es Holocaust und Millionen Kriegstote nicht gegeben“(2), wurde am 20. Juni – die Große Koalition macht es möglich – ein Kompromiss mit dem BdV gefunden. Er macht die deutschen Vertriebenen zu dem, was sie schon immer sein wollten: Opfer weltgeschichtlicher Konstellationen, die sie ebenso schwer getroffen haben, wie die Flüchtlinge, die heute aus dem Irak und Eritrea nach Deutschland kommen.

Auf ihre Charta mussten sie dafür verzichten. Sie sei zu „geschichtsblind“ (3) und außerdem handelte es sich bei vielen Unterzeichnern um Nationalsozialisten: Wer hätte das gedacht. Gleichzeitig heißt es in der Zeit: „Der Gedenktag müsse die deutsche Vertreibungsgeschichte in den europäischen Kontext stellen. Das Gedenken müsse auch allen Menschen anderer Nationalität gelten, die damals vertrieben worden seien.“ (3)

Es blieb einem Kommentar der »Zeitung für Deutschland« (FAZ) vorbehalten, auf einen „Verdacht“ zu verweisen, der aufkam, als das „doppelte Gedenken beschlossen wurde“: „Die Erinnerung an die Katastrophe in den ehemaligen deutschen Ostgebieten solle verwässert werden im weltweiten Flüchtlingselend. Mit der Internationalisierung würden die deutschen Schicksale im allgemeinen Bedauern verschwimmen.“ (4) Aber genau so funktioniert das geläuterte Deutschland. Im Handumdrehen werden nicht nur Täter zu Opfern, sondern auch das globale Flüchtlingselend zum moralischen Standortvorteil umgemünzt. Denn so Gauck „Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren so viele Menschen entwurzelt wie augenblicklich“. Oder andersherum: Schlimmer als die vielen Flüchtlinge heute, hat es nur die Deutschen damals getroffen.

Schlußendlich bedankt sich Gauck bei den Ungarn. Dort gibt es einen Nationalen Gedenktag, der an die Vertreibung der Deutschen erinnert. Dass an der ungarisch-serbischen Grenze gerade mit Hilfe Deutschlands eine vier Meter hohe Mauer gegen Flüchtlinge gebaut werden soll, bleibt derweil natürlich unerwähnt.

Antideutsche Aktion Berlin im Juni 2015

Anmerkungen:

(1) Rede des Bundespräsidenten Joachim Gauck, Berlin 20. Juni 2015
(2) Ein fatal falsches Signal, Süddeutsche Zeitung, 10. Februar 2011
(3) SPD gibt bei Vertriebenen-Gedenktag nach, Die Zeit, 3. Dezember 2013
(4) Neuanfang mit den Vertriebenen, FAZ, 21. Juli 2015

Und täglich grüßt das Murmeltier.

Anmerkungen zu einer ständig wiederkehrenden Farce.

Kein Witz: Eine andere, eine solidarische Welt ist möglich – aber sie kann nur auf den Trümmern der alten Ordnung errichtet werden. Fangen wir mit dem Abriss an“ (1), ködert das kommunistische Bündnis …ums Ganze seine zahlreichen Groupies zu einer gemeinsamen Klassenfahrt nach Frankfurt am Main. Die feierliche Eröffnung des Neubaus der Europäischen Zentralbank (EZB) steht auf dem diesjährigen Parteiprogramm. Anlass für die große revolutionäre Vorfreude ist der Regierungswechsel in Griechenland. „Bemerkenswert ist schließlich, dass Syriza objektiv einen Raum eröffnet hat, den Bewegungen und radikale Linke füllen können, ja füllen müssen – weil er sonst schnell wieder geschlossen sein wird“. Wir halten fest: Die Zeit drängt, weil aus den Wahlen in Griechenland eine „Querfrontregierung“ (2) hervorging. Genau deshalb gilt es für radikale Linke Räume zu füllen! Und wenn es nur der Vorplatz des neuen EZB-Wolkenkratzers bzw. die städtischen Turnhallen in Frankfurt am Main sind.

Wir wollen nur, dass die Menschen, die aus vielen Ländern Europas zu den Blockupy-Protesten anreisen werden, nicht in irgendwelchen Löchern schlafen müssen, sondern ordentlich untergebracht sind. Etwa in städtischen Turnhallen. Beim Evangelischen oder Katholischen Kirchentag, bei allen Turn- und Sängerfesten, kriegt die Stadt Frankfurt das hin“ (3), appelliert der kommode Klassenkämpfer Aaron Bruckmiller von der Interventionistischen Linken (IL) an das »Schweinesystem«, dass dieses doch bitte, bitte Schlafplätze für die anreisenden »Carhartt-Chaoten« zur Verfügung stellen soll. Falls dies nicht geschehe, sehe man sich gezwungen, stattdessen Häuser zu besetzen. Komplett rundet diesen Wahnsinn die Tatsache ab, dass eigens für diesen besonderen Ausflug ein Sonderzug bei der Deutschen Bahn gechartert wurde. Lenins Bonmot, wonach deutsche Revolutionäre eine Bahnsteigkarte kaufen, bevor sie den Bahnhof stürmen, beschrieb einmal eine Trägödie. Diese Zeiten sind längst vorbei. Heutzutage handelt es sich um die ewig gleiche Wiederholung der Farce.

Es gilt folgende einfache Bauernregel: Wenn die Ohnmacht am größten ist, werfen selbst die unausgeschlafensten Murmeltiere noch einen kleinen Schatten. Diesem Prinzip entsprechend funktioniert die Mobilisierung gegen die Eröffnung der Europäischen Zentralbank. Mit Schirm, Charme und ein wenig Photoshop wird die Generation YOLO für eine Minute Berichterstattung in der Tagesschau mobilisiert. Die danach einsetzende staatliche Repression verspricht weitaus mehr Zeit in Anspruch zu nehmen. Typisch linksradikale Bewegungsarithmetik.

Ausgerechnet für solch einen unbedeutenden Event wird jahrelang eine breite Einheitsfront geschmiedet, die von militanten Anarchoveganern, propalästinensischen Trotzkisten, wertkritischen Feministen, über postmoderne Autonome, unzählige V-Männer, hedonistische Riotclowns bis hin zu fleischfressenden Stalinisten und antideutschen Genossen reicht. Sonst haben sich diese politischen Strömungen selten etwas zu sagen. Am 18. März tauchen sie dann aber gemeinsam im kraftvollen »Black-North-Face-Block« ab und tauschen bereitwillig ihre Individualität gegen ein wenig kollektive Revolutionsromatik ein.

Derweil mutieren die großen Bündnisse …ums Ganze und Interventionistische Linke immer weiter zu Serviceagenturen ihrer erlebnisorientierten Klientel und wegen ihrer marktbeherrschenden Position zwingen sie ihre politischen Konkurrenten, sich ebenfalls in größeren Organisationen zu zentralisieren. Im Widerspruch zur autonomen Praxis sind diese großen Zusammenhänge unflexibler und können nur unzureichend auf aktuelle Ereignisse reagieren. Und das Dilemma der marxistischen Theorie ist, dass „der Marxismus irreparabel zerfallen ist in Plattheit auf der einen Seite und Mystik auf der anderen“ (4). Da kann man noch solange in den Aufrufen tiefgründig theoretisch dünnbrettbohren.

Letzten Endes stellt das ganze, jahrelang vorbereitete, Brimborium in Frankfurt am Main kein großes Problem dar, weder für die Gesellschaft noch für die Protagonisten. Die Demonstranten, bis auf die Erstsemester und die ganz Naiven, wissen um den schnell einsetzenden Kater, den eine solch gewagte Simulation von revolutionären Zeiten im 21. Jahrhundert mit sich bringt. Nach dem Großereigniss geht es nämlich ganz normal weiter. Zurück ins Ikearegal, also in den Lesekreis, während in der Gruppe die Planungen für das nächste Jahr beginnen. Und wenn das alles nicht hilft, flüchtet man sich ins about blank.

Auch die Arbeitgeber sowie Professoren brauchen sich keine Sorgen machen. Sie wissen, manchmal aus eigener Erfahrung, dass ein Adrenalinausflug ins Ungewisse ihrer Untergebenen, ein kalkulierter Ausbruch aus dem Alltag, positive Kräfte für die Arbeit frei setzt. Und in zehn Jahren geht man gemeinsam Bungeespringen. Die Sehnsucht nach der revolutionären Umwälzung, wird dann abgelöst durch die Hoffnung, wenigstens noch das lang ersehnte Ende seiner aktuellen Lieblingsserie zu erleben. Die Revolution entlässt ihre Kinder zu jeder Zeit auf ihre Art…

Antideutsche Aktion Berlin im März 2015


Anmerkungen:

(1) Mit dem Aufhören anfangen, Aufruf des kommunistischen »…ums Ganze!«-Bündnisses gegen die Eröffnung des EZB-Neubaus in Frankfurt am 18. März 2015
(2) „Luft nach unten“, Rainer Trampert in konkret 03/2015
(3) „Sonst gibt’s Hausbesetzungen“, Interview mit Aaron Bruckmiller in der taz, 04.03.2015
(4) Das allerletzte Gefecht, Wolfgang Pohrt, Edition Tiamat

Den Text findet Ihr auch in der Jungle World…

It ain‘t our style.

Samstagvormittags in Ströbeles Wehrdorf. Zwei kleinere Personengruppen stehen sich in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber. Es geht um Israel. Moral liegt in der Luft. Wackere Einzelkämpfer hoffen, unter Zuhilfenahme von schmissig formulierten Flugblättern, das Abschlachten im Nahen Osten zu beenden. Über Syrien natürlich kein Sterbenswörtchen. Auf der anderen Seite – frisch der Disco entschlüpft – die üblichen Verdächtigen. Und wie zu erwarten, es entwickelt sich das altbekannte Reiz-Reaktions-Schema: Israel-Fahne ausgepackt, verbaler Terror ausgelöst. Es bleibt die Erkenntnis: Was den Einen ihr Antizionismus, ist den Anderen ihr Philozionismus.

Ein paar Kilometer weiter sitzt der akademische Nachwuchs und büffelt intellektuellen Bockmist. Es gilt durch Anwesenheit zu glänzen. Besucher wie Referenten eint der Traum von einer Karriere im universitären Bereich. Die Inhalte sind völlig beliebig. Weshalb es auch nicht weiter verwundert, dass offene Räume nur einem eingeschränkten Publikum zugänglich sind. Erkenntnisgewinn dieses Wochenendes: Roswitha Scholz erkennt die doppelte Vergesellschaftung auch bei Männern an. Wir sind gespannt ob die gute Frau die richtige Konsequenz daraus zieht und all ihre Publikationen nachträglich einstampft.

Weder das akademischen Klassentreffen, noch die Fortsetzung des Raves mit anderen Mitteln, sind dazu geeignet „den Erfahrungsgehalt materialistischer und dialektischer Kritik zu entfalten“. Sie sind ein Zeichen dafür, dass man selbst gedächtnis- und wunschlos erstarrt ist. Anstatt sich kritisch zu entfalten, zementiert man nur die eigene Identität. Die Einen als zukünftige Akademiker, und die Anderen als politische Berufskomiker. Und das Beste kommt zum Schluß: Anstatt die eigene Dummheit wenigstens in der Niederlage zu erkennen, wird nun stattdessen laut nach einer besseren Struktur gerufen. Identitäre Narzisten organisieren? Darauf kennen wir nur eine Antwort. Bak Shalom, bitte übernehmen Sie!

Antideutsche Aktion Berlin im Dezember 2013

Etwas Schlimmeres als Krieg

Deutschland diskutiert, das macht es gern. Ernsthafte Konsequenzen aus dem Sprachabfall sind nicht sonderlich zu fürchten. Und wenn es um Krieg geht, ist das auch gut so. Krieg ist immer schlecht. Schon damals, als die Alliierten sich unverständlicherweise in die friedliche Übernahme Europas durch Deutschland einmischen mussten, wurde das als böswillige Intervention in die eigenen Belange empfunden. Weshalb man auch nicht davon lassen wollte, obwohl es ständig Bomben auf die eigenen Köpfe regnete.

Nun ist deutsches Giftgas irgendwo in der Wüste gegen unwertes Leben eingesetzt worden. Und deshalb soll deutsches Blut vergossen werden? Unisono schallt es aus allen politischen Ecken: Nein, niemals, das wäre falsch! Es würde womöglich unschuldige Menschen treffen. Nämlich Deutsche. Außerdem kann man ja nie wissen, was der verrückte Diktator und seine Verbündeten dann in Europa anrichten. Letztlich profitieren bekanntlich nur die Terroristen von Al Kaida. Die man nur dann unterstützen darf, wenn es gegen die USA geht.

Luftangriffe auf Krankenhäuser lassen uns keineswegs kalt. Wir sind moralisch tief getroffen. Aber vom Fernsehen weg bewegen, muss man sich deswegen auch nicht unbedingt. Außer es kommen neue Flüchtlinge in den Kiez. Dann muss man selbstverständlich mal nach dem Rechten schauen. Der Feind steht bekanntlich nur im eigenen Land. Aber wirklich helfen, das sollen dann doch lieber die Pfaffen und Sozialarbeiter übernehmen. Die haben Routine darin. Selbst ist man sich am nächsten, und wenn es wirklich sein muss, auch den Liebsten.

Deshalb votiert man bereitwillig für die Familienzusammenführung. Obwohl man vor diesen barbarischen Verhältnissen einst in die Großstadt-WGs floh. Die eigene Freiheit wiegt sehr schwer. Aber teilen will man sie nicht. Das würde ja ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen. Schließlich hat sich damit schon Barack Obama dieser Tage blamiert.

Antideutsche Aktion Berlin (ADAB) im September 2013

Ein kurzer Abgesang

Neulich im Prenzlauer Berg. Zwei gut situierte Frauen, an Gestus reich, an Gedanken arm, philosophieren über die neueste Mode. Leggins, gar pink sogar, seien der neueste Schrei. Und überhaupt, fesche Beinkleider, ob nun das Modell eng und pink oder schlabbrig und mausgrau, es geht um die Hose. Röcke, die hat der Lagerfeld für diese Saison in den Wandschrank verbannt. Aber nur gut, dass man den Trend nicht verpennt hat. Eine viel zu kurze Atempause später wackeln die beiden lächelnd der nächsten Boutique entgegen.

Am anderen Ende der Welt. Zwei verschleierte Frauen versuchen verzweifelt, eine Person den Fängen der Staatssicherheitsdienste zu entreißen. Tränengas liegt in der Luft. Der Lärmteppich franst hier und da aus. Das eigene Wort ist trotzdem unverständlich. Es geht ums Ganze. Worte werden durch Steine ersetzt. Überall grenzenloser Schmerz. Aber niemand denkt ans Aufgeben. Als ginge es um ihren einzigen Sohn, derart kämpfen die Frauen. Knüppelschläge sind die harmloseste Antwort auf ihren Einsatz.

Guido Westerwelle bezeichnet die Ereignisse als einen „Rückschlag für die Demokratie“. Und er meint nicht die Geschehnisse im Prenzlauer Berg. Er nimmt stellvertretend vorlieb mit der Friedhofsruhe im Nahen Osten, weil die eigenen Sicherheit schwerer wiegt, als die Freiheit anderer. Und niemand schreit laut auf. Der freie Westen verrät nicht seine Kinder, er kapituliert gerade auf allen Ebenen.

Antideutsche Aktion Berlin (ADAB) im Juli 2013