Wir wissen, was Sie im letzten Frühjahr getan…

Vor einem Jahr gab es in Berlin-Weißensee eine breite Hetzkampagne von Mittelstandsmuttis und –vatis, die sich partout dagegen wehren wollten, dass in ihrem Kiez Menschen die Möglichkeit auf eine zweite Chance eingeräumt werden sollte. Aus diesem Anlass nochmal eine kleine Antwort an Sie.

Hallo Claudia „Mutter“ Langhans (28), Norbert Koch-Klaucke und andere Freunde der verfolgenden Unschuld!

Es ist vielleicht nicht schön, mit 28 Jahren Mutter in Weißensee zu sein. Da muss man dauernd Kuchen für blöde Kitafeste backen, alberne Kindertheatervorführungen bejubeln und zu allem Überfluss auch noch nebenbei arbeiten, weil „man sich diese Selbstständigkeit bewahren“ will. Man plagt sich eigentlich nur ab, ob bezahlt oder unbezahlt, ist nur insofern relevant, dass das eine immerhin einen neuen Pulli, das andere aber nur Babysabber auf dem neuen Pulli bringt. Du weißt, dass du dir von deiner Mutterliebe nichts kaufen kannst. Das schöne Leben und die duften Typen sind woanders als in deiner Dreizimmerwohnung auf dem Sofa. Das ist einfach ungerecht. Und außerdem hast du Zweifel daran, ob deine Nachbarn wirklich auf deiner Seite sind, wenn es um die Verhinderung von einem Reintegrationshaus in eurer Gegend geht. Die etwas betreten zur Seite schauenden Blicke, bevor man dich dann doch grüßt und die, die einfach nicht dabei mitmachen wollen, lassen dich das annehmen.

Und es gibt Gründe dafür. Weil jeder eine zweite Chance verdient hat. Dass jemand, der einmal straffällig geworden ist, nicht reintegriert werden soll, verweigert ihm jede Form des normalen Lebens. Claudia verweigert es ihm. Dass jemand, bloß weil er Medikamente nehmen muss, um seinen Alltag bewältigen zu können, eine Gefahr darstellt, ist ein Gerücht. Wer hat nicht die kleinen Helferlein, die einem den Alltag erleichtern, vom Kaffee am Morgen über die Kopfschmerztablette bis hin zu den Einschlaf- und Stimmungshilfen? Nur weil die Krankheit oder die Beeinträchtigung weiter von dem, was als normal gilt, abweicht, heißt das nicht, dass jemand, der medikamentös seine Aggressionen behandelt, durch die Medikamente nicht ein normales Leben führen kann. Wer kennt nicht ein Kind, das mit Ritalin funktionsfähig gehalten wird- obwohl man darüber sehr wohl streiten kann?

Was bringt also jemanden dazu, über andere Menschen das Verdikt auszusprechen, dass sie nie mehr ein normales Leben führen dürfen, obwohl objektiv alles dafür spricht? Was bringt jemanden dazu, andere Leute ebenfalls aufzuhetzen und sie so der Peinlichkeit auszusetzen, entweder als ein guter Nachbar zu erscheinen oder ein Außenseiter? Denn wer sich eurem Mob widersetzt, wird skeptisch von allen anderen betrachtet. Deshalb die ausweichenden Blicke, liebe Claudia. Denn obwohl die, die wissen, dass ein bürgerlicher Staat etwas Besseres als ein Lynchmob ist, die wissen, dass unsere Gesellschaft eine zweite Chance denen gewährt, bei denen Aussichten bestehen, dass sie ein normales Leben führen wollen/können und die auch wissen, und dass da keine Serienmörder und pathologische Kinderschänder freigelassen werden sollen- werden sie dir nicht ins Gesicht sagen, was sie von deinem Großinquisitoreifer halten. Denn sie wissen, dass du wie ein Inquisitor denkst und sie bei dir sofort als Täterschützer gelten, wenn sie nur darauf hinweisen, warum es Gesetze gibt. Wenn sie sagen, dass jemand krank ist, dass ein Fehler in seinem Hirn Schuld ist, bestätigt das nur deine Auffassung der Gemeingefährlichkeit dieser Menschen und du ignorierst die Möglichkeit, dass ein physiologischer Fehler auch durch eine physiologische Intervention –das Einnehmen von Medikamenten- beseitigt werden kann. Das ist in etwa so, wie wenn du deinem Kind ein Medikament verweigerst, obwohl es ernsthaft krank ist.

Allen Einwänden, die man dir entgegen bringt, setzt du nur automatisiert „aber doch nicht hier“ entgegen. Und der Gegenüber schweigt, nicht, weil er dir Recht gibt, sondern weil er weiß, dass du damit meinst, dass es nirgendwo passieren soll. Denn du kannst überall darauf zählen, dass es ein oder zwei wie dich gibt, die im Namen der Unschuld, die vernichten will, mit dem Finger auf die Menschen zeigen, die schwächer sind als du. Denn du hast kein Erbarmen mit anderen Menschen und zeigst Toleranz nur da, wo dir wirklich alles egal ist. Das Gute ist nur: es sind immer nur ein paar wenige, die wie du aufstacheln, und bereiten den anderen damit das oben genannte Unbehagen.

Denn die Claudias dieser Welt haben niemals wirklich die Mehrheit hinter sich, sondern nur die, die nichts sagen, weil sie Angst vor der Inquisition haben. Für die gibt es aber eine gute Nachricht: ihr seid der Großteil. Ihr wisst, dass eure Kinder weder geklaut noch angezündet werden, wenn ein ehemaliger Kleptomane oder Pyromane in den offenen Vollzug geht. Ihr wisst auch, dass dieser streng geregelt ist und es sofort registriert wird, wenn Fehlverhalten auftritt, und ihr wisst auch, dass das streng bestraft wird. Ihr könnt zwischen „Tatort“ und der Realität unterscheiden. Die Claudias können es nicht. Und ihr erinnert euch vielleicht an die unangenehmen Geschichten von den kleinen Dörfern weit außerhalb der Stadt. Eure Eltern hatten vielleicht auch Angst vor den Claudias, und sie konnten nicht aus der Dorfgemeinschaft weg. Ihr könnt es aber und ihr habt es sogar getan, als ihr nach Berlin gezogen seid. Ihr wisst selbst, wie scheiße so ein Verhalten ist.

Wir rufen deshalb die auf, die nicht blind vor Hass auf sich und die ganze Welt sind, sich gegen diese Bürgerinitiative zu positionieren, denn diese ist kein lobenswertes Engagement, sondern nichts als blindes Dreinschlagen und Vernichtenwollen. Wollt ihr wirklich euch hinterher dafür schlecht fühlen, weil ihr jemanden ungerecht behandelt habt, nur weil die Claudias es so wollen? Wollt ihr wirklich in einer Gesellschaft leben, in der jedes Vergehen mit einem sofortigen Ausschluss aus der Gemeinschaft wie in den ersten Jahrhunderten nach unserer Zeitrechnung geahndet wird? Wollt ihr wirklich euch der Gefahr aussetzen, dass ihr der Nächste seid, sobald diese Spielwiese für die Claudias weg ist und sie jetzt etwas an eurer Vorgartenpflege oder der Läuseerkrankung eurer Kinder auszusetzen hat? Wollt ihr wirklich brutal eure Kinder instrumentalisieren und als Argumente ins Feld schicken, weil die nun mal am schutzbedürftigsten erscheinen, damit die Claudias ihr Ressentiment ausleben können? Oder habt ihr noch einen Rest Mitmenschlichkeit, der sich nicht völlig den Fakten verschließt? Wir können euch die Fragen nicht beantworten. Das müsst ihr selbst tun.

Und, Norbert Koch-Klaucke, wir wissen, dass du über die Runden kommen musst und sich Angst schürende Artikel nun einmal gut verkaufen. Das macht dich zwar zu einem Verbreiter der Botschaften der Claudias aus Weißensee, aber eigentlich bist du ein armes Würstchen, und deshalb kommst du hier nicht weiter vor.

Wenn man die Geschichte erforscht, nicht in den gereinigten Ausgaben, die für Volksschulen und Gymnasien veranstaltet sind, sondern in den echten Quellen aus der jeweiligen Zeit, dann wird man völlig von Ekel erfüllt, nicht wegen der Taten der Verbrecher, sondern wegen der Strafen, die die Guten auferlegt haben; und eine Gemeinschaft wird unendlich mehr durch das gewohnheitsmäßige Verhängen von Strafen verroht, als durch das gelegentliche Vorkommen von Verbrechen.Oscar Wilde

Wer nicht feiert, hat verloren.

8. Mai 1945 – Tag der Befreiung

Sektempfang/ Konzert/ Party organisiert von der association [belle vie]
am Sonntag den 10. Mai 2013 ab 19:00 Uhr
im UJZ Korn, Kornstraße 28-32, Hannover

Am 8. Mai jährt sich der Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht zum 68. Mal. Mit diesem Tag endete der 2. Weltkrieg in Europa und die Herrschaft des nationalsozialistischen deutschen Staates. Nach 6 Jahren Krieg gelang es den Alliierten Europa und Deutschland von der Barbarei der Nazis zu befreien. Die Errichtung einer Diktatur, die ideologische Kriegsführung und die Ausgrenzung von Menschen und deren spätere Vernichtung zerstörten Millionen Leben und stellten einen Bruch mit unserem Verständnis von Zivilisation dar. Erst mit der vollständigen Kapitulation Deutschlands, dem Sieg der Alliierten und der Auflösung des deutschen Reiches konnte diesem Grauen ein Ende bereitet werden. Für die überlebenden verfolgten Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen, Behinderten, politischen Oppositionellen und Kriegsgefangenen endete mit dem Tag der Befreiung Gefangenschaft, Unterdrückung und industrieller Massenmord.

Der Tag der Befreiung ist ein wichtiger Bestandteil der Erinnerungs- und Gedenkkultur vieler europäischer Staaten. In Frankreich, Tschechien, Russland, Weißrussland, der Slowakei und in den Niederlanden ist er offizieller Feiertag. Lediglich in Deutschland ist dieser Tag ein normaler Werktag. Im gesellschaftlichen und institutionellen Leben kommt ihm quasi keine Bedeutung zu. Während der 3. Oktober, als ‚Wiedervereinigung‘ Nationalfeiertag ist, Mauerfall, Annexion der DDR und Gründung der Bundesrepublik und ähnliche deutsche ‚Erfolge‘ entsprechend zelebriert werden, wird der Tag der Befreiung, aber auch der Niederlage auf Grund seiner Fremdbestimmung gesellschaftlich und institutionell verdrängt und somit Teil der Täter-Opfer-Verdrehung.

Die Ursache des 2. Weltkrieges und des Holocausts ist nicht in einzelnen ideologisch geschulten Nazi-Eliten zu suchen, sondern in der deutschen Mehrheit der Bevölkerung. Es waren die deutschen Massen, ohne die der Faschismus keinen Fuß hätte fassen können. Es waren die Deutschen, die Hitler zum Reichskanzler wählte. Es war der Großteil der Deutschen, der sich nicht gegen die schreiende Ungerechtigkeit wehrte. Das Verdrängen des 8. Mai und der deutschen Schuld am Nationalsozialismus ist Teil deutscher Tradition. Völkischer Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus haben auch im 21. Jahrhundert Hochkonjunktur in Deutschland. Ob Abschiebung und rassistische Sondergesetze für Flüchtlinge, weit verbreiteter Antisemitismus, deutsche Großmachtbestrebungen, gesellschaftlicher Sozialchauvinismus oder scheinbar harmloser Patriotismus. Zusammen mit der Abschiebung und Verdrängung der Schuld auf einzelne „da oben“ bergen sie eine gefährliche Mischung für Ausgrenzung, Diskriminierung und das Potenzial zum Faschismus.

Die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2013. Der Neuanfang ist gescheitert. Das Fortbestehen der Nation und die Wiedervereinigung Deutschlands tragen im Kern den deutsch-völkischen Gedanken in sich. Der Aufbau von DDR und BRD war geprägt durch Restauration von alten Nazis in der Verwaltung, Justiz und Politik. Auch heute sind die Verstrickungen zwischen Nationalsozialismus und deutschem Staat unverkennbar. Auf der einen Seite die NSU-Mordserie inklusive Verflechtung der Behörden und auf der anderen Seite die ständige Kriminalisierung antifaschistischer Arbeit sind nur Beispiele für die Unmöglichkeit eines antifaschistischen Neubeginns beim Fortbestehen einer deutschen Nation. Deshalb ist es für uns umso wichtiger, diesen Tag zu feiern und ihn weder zu verdrängen, noch als Katastrophe zu verklären. Wir müssen den Alliierten danken, statt deutsche Opfermythologien und Antiamerikanismus zu pflegen, Hass auf die ‚Imperialisten‘ und Antikommunismus zu unterstützen.

Gleichzeitig ist dieser Tag aber auch ein Tag des Gedenkens. Denn mit dem Sieg über das dritte Reich darf nicht vergessen werden, wie viele Menschenleben, die Nationalsozialisten in 12 Jahren Schreckensherrschaft zerstörten. Der 10. Mai, Tag unserer Veranstaltung, ist auch Tag der Bücherverbrennung im Jahr der Machtübernahme Hitlers. Neben dem Feiern wollen wir das Gedenken an die vielen Opfer nicht vergessen, auf dass Auschwitz sich niemals wiederhole.

Und trotzdem: der 8. Mai ist für uns ein Tag zum Feiern! Es ist der Tag, an dem die Zivilisation über die Barbarei gesiegt hat. Wir wollen das feiern, denn für alle, die nicht mit dem Faschismus konform sind, ist es ein Tag der Befreiung, ein Tag des Sieges. Wer sich nicht über Befreiung freut, wer nicht feiert, dass die deutsche Vernichtungs- und Unterdrückungsmaschinerie ihr Ende fand, der hat verloren.

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Barbarei! Nie wieder Deutschland!

www.wernichtfeiert.tumblr.com

Klassenkampf ohne Klasse

Weltweit kämpfen Menschen jeden Tag gegen die Folgen des Kapitalismus, der täglich Tausende durch Hunger, Krieg, behandelbare Krankheiten und erbarmungslose Ausbeutung tötet. Wir sind solidarisch mit ihnen, im Kampf gegen das Kapital und auch im Protest am 1. Mai, als Symbol für den internationalen, revolutionären Kampf.“ Bündnisaufruf zum ersten Mai 2013

SO36. Jedes Jahr aufs Neue. Hier und da brennen vereinzelte Mülltonnen. Oder betagte Autos. Die grünen Wannen fahren mit Blaulicht über rote Ampeln. Überall blitzen Kameras. Die Medienschaffenden sind aus der ganzen Welt angereist. Mittendrin stehen gaffende Touristen. Für das lokale Gewerbe ist das einer der umsatzstärksten Tage im Jahr. Für die Bewohner einer der unangenehmsten.

Einige schwarz vermummte Personen bezeichnen das Schauspiel als solidarischen Kampf gegen die Folgen des Kapitalismus. Aber abgebrannte Autowracks ändern nichts am elenden Zustand der Welt. Weder wird damit der Hunger bekämpft, noch verhindert das Spektakel behandelbare Krankheiten bzw. zaubert die dafür notwendigen Medikamente herbei. Schließlich erinnert das kollektive Ausagieren an der behelmten Staatsmacht an genau jenen Zustand, den man vorgibt zu bekämpfen, einen Krieg.

Am 1. Mai in Berlin ist einfach alles anders. Vereinzelte Subjekte fühlen sich einer Klasse zugehörig, objektiv gibt es aber schon lange keine Klassensolidarität mehr. Der Deutsche Gewerkschaftsbund betreibt eine Leiharbeiterfirma. Die heutigen Revolutionäre organisieren fleißig die Massen, um später in die Fußstapfen ihrer Vorgänger Ulla Schmidt (KBW), Gerhard Schröder (Stamokap-Jusos), Joschka Fischer (Revolutionärer Kampf) oder Winfried Kretschmann (KBW) zu treten. Und das organisierte Industrieproletariat betet inständig dafür, dass niemand ernsthaft in der EU seine Solidarität praktisch einfordert.

Bilder für die BILD

Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich, dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen.“ Karl Marx

Für die Schweinepresse von Springer ist es der Tag im Jahr, an dem man dem interessierten Werktätigen vorführt, dass seine Befreiung allerhöchstens im Chaos enden kann. Das spärliche Eigentum, was er sein Eigen nennt, fackeln im schlechtesten Fall die selbsternannten Befreier ab. Die aktivsten Steinewerfer enden, dank der unzureichenden Solidarität untereinander, für längere Zeit im Knast. Für eine revolutionäre Agitation ein denkbar schlechtes Ergebnis. Man mobilisiert die Falschen, um die Richtigen zu erreichen.

Kleinkriminelle, Arbeitslose und Studenten, in der Sprache der Revolution: Kleinbürger, pauperisiertes Lumpenproletariat, gelangweilte Bürgersöhne und -schwestern schmeißen in Kreuzberg fleißig Pflastersteine auf Polizisten, die laut Marxscher Klassentheorie eindeutig als Proletarier zu bezeichnen wären. Das organisierte Industrieproletariat dagegen mampft irgendwo in der Innenstadt seine Bockwurst, trinkt Bier und gibt sich den Sonnenstrahlen hin. Eine revolutionäre Situation sieht anders aus.

Das wissen die Organisatoren des Events nur zu genau. Ihnen geht es nicht um die Revolution. Schöne Bilder für die nächste Mobilisierung, virtuelle Schulterklopfer und Frustbewältigung sind die wahren Motive, die eigene Freizeit derart sinnlos zu vergeuden. Das Gerede von der Krise ist dabei nur weiteres propagandistisches Schmuckwerk für die Mobilisierung. Das Ende des Kapitals steht nicht bevor. Deshalb belässt man es bei der alljährlichen Revolutionssimulation.

Der Traum ist aus

Richtige Revolutionäre sind voller Ungeduld und immer in Eile, die Zeit drängt. Bei uns war es umgekehrt, wir hatten alle Zeit der Welt, der Sozialstaat lässt auch seine Revolutionäre nicht verhungern. Man träumt halt ein bisschen. Unerfüllbare Träume sind die schönsten, weil sie nie mit der Realität kollidieren können.“ Wolfgang Pohrt

Der ehemalige Sprecher des revolutionären 1.Mai-Bündnisses ist heute Arzt. Sein Vater erwarb ein besetztes Haus in Berlin um das Portfolio der Familie zu erweitern. Der Zusammenhang dabei ist selbstverständlich kein familiärer. Sippenhaft ist unschicklich. Aber irgendwie muss so ein Bummelstudium in der hippen Hauptstadt auch finanziert werden. Revolution simulieren können Arbeiterkinder in ihrer Freizeit eher weniger. Dafür fehlt einfach das nötige Kleingeld.

Dank dem Schweinesystem hat auch die ehemalige Terroristin und heutige Rentnerin Inge Viett das nötige Kleingeld, um im Namen der Revolution wieder zu agitieren. Der sogenannte Klassenkampf von unten, wie Viett blumig die Aktivitäten der RAF umschreibt, meinte in Wahrheit nur Terror aus Neid. Einzelne Charaktermasken des Kapitalismus zu entführen bzw. zu erschießen war nur deshalb eine Option, weil schon damals die Masse die Revolution verweigerte. Da man aber – wie die Vorbilder aus Lateinamerika oder Vietnam – aktiv am internationalen Befreiungskampf teilnehmen wollte, blieb nur der individuelle Terror.

Für das Recht auf Faulheit

Die bürgerliche Gesellschaft hat es soweit gebracht, daß vernünftig ihre revolutionäre Wahrheit nicht mehr behauptet werden kann, sondern zum Wahn wird. Das Interesse, sie zu revolutionieren, kann außer des trotzigen „Ich will“ keine weiteren Gründe mehr beibringen.“ Joachim Bruhn

Objektiv besteht heutzutage keine revolutionäre Situation. Der Traum von einer Revolution war schon zu Zeiten der K-Gruppen längst ausgeträumt. Deutlich wird dies vor allem dort, wo selbsternannte Revolutionäre als Teil der als Demonstration bezeichneten Trauermärsche gewerkschaftlicher Organisationen auftreten. Die Hoffnung, mit den alten Parolen jene vor dem Ofen hervorzulocken, die sich in den maßgeblichen Situationen für Deutschland und gegen den internationalen Klassenkampf entscheiden, ist ein Unterfangen, welches dem Kampf gegen die Windmühlen verblüffend ähnelt.

Ähnlich wie der Landadlige Alonso Quijano, der nach der Lektüre von fiktiven Ritterromanen eines Tages selbst ein fahrender Ritter werden will, hat das ausgiebige Studium der marxistischen Klassiker bei nicht wenigen Lesern einen ähnlichen Dachschaden angerichtet. Bei den umherschweifenden Berliner Haschrebellen reichten dafür womöglich die Propagandafilme der DDR völlig aus. Die jeweiligen Fraktionen unterscheiden sich zwar, aber das Ergebnis ist ein und derselbe Revolutionszirkus.

Wir rufen auf, am ersten Mai sich von den Strapazen der Lohnarbeit zu erholen, statt Teil einer wie auch immer gearteten „experimentellen Praxis“ zu sein. Der Faulheit zu fröhnen ist zumindest solange ein revolutionärer Akt, wie die Revolution einfach nur Arbeit macht.

Antideutsche Aktion Berlin (ADAB) im April 2013

Genossen in der Krise

Kommunisten sind einsam. Sie haben höchstens die Wahrheit auf ihrer Seite. Die Genossen sind schon Jenseits von Gut und Böse. Die Realität hatte ihnen einst übel mitgespielt. Wenn dann aber doch auf einmal ein solch seltenes Exemplar aus der grauen Masse herausragt, kommt man nicht umhin, dem ollen Marx nachträglich dafür zu danken.

Aber Vorsicht! Im bundesdeutschen Politkarneval sind viele nur als Kommunisten verkleidet. Dem einen Deutschen ist es reine Identität, dem anderen spiegelt es Pluralität. Genau deshalb durften sich vor einigen Jahrzehnten die letzten Aufrechten in einer kommunistischen Partei organisieren, die das entscheidende Wörtchen deutsch dem Kommunismus voranstellte. Heute ist dieser Haufen zwar nur noch ein Häuflein. Ideologie produziert er trotzdem noch.

DDR-Bürger waren es gewohnt, ohne Nachteile zu befürchten, öffentlich, in Belegschafts-, Gewerkschafts-, oder Partei- versammlungen an der Betriebsleitung oder an sonstigen Vorgesetzten Kritik zu üben. Die Diskussion von Problemen in den Betriebsparteiorganisationen der SED war von größter Bedeutung!“, Erich Buchholz, ehemaliger Professor für Strafrecht an der Humboldt Universität Berlin, in Theorie und Praxis, Februar 2013

Elend ohne Not. Kommunisten verteidigen keine Gefängnisse. Nicht einmal die eigenen. Dies gilt selbstverständlich auch für das Freiluftgefängnis DDR. Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) hingegen setzt nur zu bereitwillig den Kampf für eine bessere Zukunft aufs Spiel, um die wahrhaft unglaubwürdige Ehrenrettung einer mehr als schlechten Vergangenheit durchzusetzen. Ein Verrat, der nicht größer sein könnte. Und aussichtsloser.

Meinungsfreiheit herrscht nicht.

Grabpflege anstatt Geburtshilfe ist das Motto einer Organisation, die eigentlich der gesamten Welt vorgaukelt, „der Zukunft zugewandt“ zu sein. Ist das nun die Farce, von der einst Karl Marx sprach, oder doch nur ein Ausdruck des alltäglichen deutschen Wahnsinns?

Wir früheren DDR-Bürger vermissen heutzutage den scharfen politischen Witz über das Führungspersonal dieses Landes. Natürlich gibt es eine Fülle gekonnter Satire-Sendungen, die auch als Ventil dienen. Aber es mangelt an der weiter erzählten Persiflage. Bei uns waren pointierte Ulbricht- und Honecker-Witze geradezu Legion. Fast jeder Dritte kannte sie.“ Klaus Steiniger, ehemaliger Redakteur des „Neuen Deutschlands“, in Theorie und Praxis Februar 2003.

Dem einen oder anderen DDR-Bürger ist dabei schon mal das Lachen vergangen. Wenn man Pech hatte und an den Falschen geriet, stand die Staatssicherheit vor der Tür. Für etwas gescheitere Witzbolde gab es die Ausbürgerung. Geschenkt. Dafür konnten sich die Redakteure auf den Fluren des „Neuen Deutschland“ gegenseitig die neuesten Witze über das Führungspersonal erzählen. In der Zeitung lesen konnte man sie dagegen nie.

Was diese Ewiggestrigen einfach nicht verstehen wollen, in der derzeitigen Gesellschaft hat jeder individuelle Probleme. Menschen, die in einem Zwangskollektiv leben nur eines: Als erstes die weitestgehende persönliche Freiheit zu erreichen. Jedenfalls, wenn sie noch halbwegs bei Verstand sind. Das harmlose Ventil im Zwangskollektiv DDR war der politische Witz, erzählt von Mund zu Mund. Die politische Antwort war die Staatssicherheit und einige ausgewählte Satire-Sendungen im Fernsehen.

Die Dialektik des Witzes

Pustekuchen! Leider keine Farce. Ein einschneidendes Ereignis im Januar beweist bedauerlicherweise, es handelt sich hierzulande stets um den alltäglichen deutschen Wahnsinn. Alles andere ist Quark: Die sozialdemokratischen Pendants zur kommunistischen Persiflage gaben aus heiterem Himmel, so mir nichts, dir nichts, ihr neuestes Husarenstück zum Besten. Einige hundert Jungpioniere, organisiert in und bei der Linkspartei sowie der SPD, zogen diesmal, nicht nur ideologisch getrennt von den Stalinisten, Maoisten und Seifenkisten, zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht artig um die Häuser. Gedenken in der Krise, im wahrsten Sinne der Worte.

Auch wenn man nun getrennt marschiert. Die Jugend opfert sich auf beiden Seiten unverblümt für die eigene (Partei)Biografie. Ob sozialdemokratisch oder kommunistisch. Völlig egal. Und eines ist gewiss, ums Ganze ging es an diesem Tag auf den Straßen von Berlin bestimmt nicht. Es ging um die Häuser, die Distinktion und letztendlich um die eigene Identität. In der Sprache der tablettensüchtigen Freunde stumpfer Fabrikmusik: Nein, nein, nein, das hat mit Kommunismus nichts zu tun!

Sozialisten kämpfen niemals für den Mindestlohn. Selbst sie haben höhere Ziele. Rosa & Karl wussten das. Egal wo sich gerade ihre Gebeine befinden, das ewige Rotieren ist ihnen sicher. Dieses Los teilen Beide mit vielen Leidensgenossen. Das derzeitige Elend ist bezeichnend genug. Die Ewigjunggebliebenen stehen als Reservearmee für die bezahlten Politkader in der Tradition der alten deutschen Sozialdemokratie immer bereit. Links blinken, rechts abbiegen. Ein zeitloses Erfolgsmodell.

Die organisierten Kommunisten sind gleichfalls keine guten Vorbilder. Gesinnung ist heutzutage von der Biografie und der Tagesform abhängig. Kein Spaß! Ein Boulevard der Eitelkeiten, auf dem Meinung feil geboten wird, wie die unverkäufliche Bückware bei Penny. Deutsche Ideologie gibt es gratis obendrein. Leider nicht umsonst. Als Ventil kann da nur noch die Satire herhalten.

Treffen sich zwei Kommunistinnen zufällig in der Bäckerei.

Antideutsche Aktion Berlin (ADAB) im Februar 2013

Terror, Wahn, Gesellschaft.

Der NSU, der Staat und die Verwandlung der Gesellschaft in ein Irrenhaus.

Eine Veranstaltung der Antideutschen Aktion Berlin [ADAB]
am Sonntag den 13. Januar 2013 um 20:00 Uhr
in der Schankwirtschaft Laidak, Boddinstr. 42/43, Berlin-Neukölln

Als sich im November 2011 herausstellte, dass Neonazis über mehrere Jahre hinweg Mordanschläge in der Bundesrepublik verübt hatten, war die deutsche Öffentlichkeit „betroffen, empört, fassungslos“. Nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde wurde über alles Mögliche gesprochen: ein Wiedererstarken der Neonaziszene, eine „Braune Armee Fraktion“, inkompetente Behörden, eine rassistische Gesellschaft sowie rechte Seilschaften bei Verfassungsschutz und Polizei. Nur eines wollte oder konnte niemand thematisieren: die Frage, inwieweit sowohl die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ als auch die Kombination aus Inkompetenz und Impertinenz auf Behördenseite Ausdruck einer an sich selbst irre gewordenen Gesellschaft sind. Aus Anlass des bevorstehenden NSU-Prozesses soll im Rahmen des Vortrags mit einigen Thesen versucht werden, über die reine Faktensammlung und die hektische Betriebsamkeit von Politik und Medien – von der Einrichtung einer Generaldatei „Rechts“ bis zu Diskussionen über ein neues NPD-Verbotsverfahren – hinauszukommen. Denn allem Veränderungsgestus zum Trotz dient dieser Aktionismus letztlich nur einem Zweck: besinnungslos weiter hantieren zu können wie bisher.

Als Referenten sind Vertreter der AG Antifa im Studierendenrat der MLU Halle sowie von der AG „no tears for krauts“ Halle eingeladen.



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